„Really Simple Licensing“ – der Weg zu einer fairen digitalen Content-Wirtschaft?
Die Bots der KI-Unternehmen stehen im Zentrum des Really Simple Licensing (Public Domain)
Über 40 urheberrechtliche Klagen gegen KI-Unternehmen wurden seit 2022 in den USA eingereicht. Es geht darin um die Entschädigung der Klägerinnen für die unerlaubte Nutzung von Daten durch KI-Modelle. Die Notwendigkeit, hier grundsätzliche Lösung zu finden, ist also offenkundig.
Wie funktioniert Really Simple Licensing?
Really Simple Licensing ist ein offener Standard, der die Lizenzbedingungen einer Webressource in maschinenlesbarer Form für die Bots der KI-Unternehmen bereithält. Aus einer TXT-Datei (genannt rsl.txt) erfahren die Bots die Namen der Urheberinnen bzw. Rechteinhaber der Inhalte, sowie die Modalitäten für die Datennutzung und deren Vergütung. Seit Dezember 2025 ist der RSL Standard 1.0 offiziell gültig.
RSL setzt dabei auf nutzungsabhängige Lizenzgebühren, so dass die Urheberinnen bzw. Rechteinhaber immer dann entschädigt werden, wenn ihre Daten von einer KI genutzt werden. Für die KI-Unternehmen bietet dies die Möglichkeit, Lizenzkosten je nach Nutzungshäufigkeit kalkulieren zu können. Auch nicht-öffentliche Inhalte, wie beispielsweise Artikel und Bücher hinter einer Paywall, können in das RSL-System einbezogen werden und auf diese Weise von den KI-Unternehmen genutzt werden.
Was bietet Really Simple Licensing den Kreativen?
In einer „Creator Bill of Rights for the AI Era” proklamiert RSL drei zentrale Versprechen an die Urheberinnen bzw. Rechteinhaber kreativer Inhalte – ganz gleich ob es sich um Texte, Bilder, Videos, Audios, Datensätze oder anderweitige Formate handelt.
- Kontrolle über die Nutzung. Die Urheberinnen bzw. Rechteinhaber von Inhalten sollen kontrollieren können, von wem ihre Inhalte genutzt werden und welche Zwecke damit verfolgt werden.
- Interessenvertretung gegenüber der KI-Wirtschaft. Sämtliche Rechteinhaber sollen gemeinsam mit den KI-Unternehmen über die Vergütung verhandeln können.
- Entschädigung für jede Nutzung. RSL 1.0 bietet den Urheberinnen bzw. Rechteinhabern von Inhalten unterschiedliche Entschädigungsmöglichkeiten. Wenn Inhalte von einer KI für ein Aufgabenresultat genutzt werden, kann dies mittels Namensnennung und Verlinkung (Attribution) entgolten werden. Im Falle einer monetären Vergütung kann entweder das Einsammeln der Inhalte durch eine KI (Pay-per-Crawl) oder die Verwendung der Inhalte in einem Aufgabenresultat (Pay-per-Inference) entgolten werden. Auch eine freie Verfügbarmachung sowie ein Subscription-Modell sind möglich.
Was bietet Really Simple Licensing der KI-Wirtschaft?
Kreativität soll also fair entlohnt werden. Den KI-Unternehmen verspricht RSL primär einen Gewinn an Effizienz. Die Automatisierung der Lizensierung soll umständliche technische Einzellösungen vermeiden. Durch die standardisierten Lizenzbedingungen sollen außerdem aufwendige Verhandlungen mit einzelnen Rechteinhabern erspart werden.
Der Zugang zu Daten soll insgesamt erleichtert werden. Dies soll einerseits durch den Zugang zu nicht-öffentlichen Inhalten geschehen, die durch ihre Verschlüsselung vor einem unerlaubten Zugriff geschützt sind. Aber auch durch die rechtliche Absicherung der Datennutzung wird Effizienz gewonnen, denn dies schließt eine transparente Dokumentation der urheberrechtlichen Situation jeglicher verwendeter Daten ein.
Wer steckt hinter Really Simple Licensing?
Hinter RSL steht ein das RSL Collective. Als deren Köpfe treten die in der Internetwirtschaft gut vernetzten Eckart Walther, Doug Leeds und Geraud Boyer in Erscheinung. Ihr Kollektiv ist als eine gemeinnützige Rechteorganisation verfasst. Verlage, Urheber und KI-Unternehmen sollen zusammengebracht werden, so das Versprechen der Drei, um eine „faire Internet-Content-Wirtschaft“ zu erschaffen. Über die technischen Fragen des RSL-Standards entscheidet ein Technischer Lenkungsausschuss, der sich aus Vertretern verschiedener Medien- und Technologieunternehmen zusammensetzt.
Wie steht Really Simple Licensing zu CC-Signals?
Spannend ist die Rolle der Organisation Creative Commons (CC) im Kontext der RSL-Initiative. Das bisherige Lizenzmodell von CC erlaubt KI-Training mit CC-lizenzierten Inhalten, lediglich für kommerzielle Anwendungszwecke gibt es eine Einschränkung durch das Lizenzmodul NC. Creative Commons hat im vergangenen Jahr allerdings das neue Konzept der „CC Signals“ vorgestellt.
Unser Autor Fabian Rack beschreibt die CC Signals als ein in Entwicklung befindliches Konzept, mit dem CC auf den „Bruch des Gesellschaftsvertrags der Openness“ reagiere. Ziel dieses Ansatzes von CC sei es, den „Verwerfungen durch KI nicht mit einem strengeren Urheberrecht“ zu begegnen. Stattdessen sehen die CC Signals neben einer angemessenen Nennung der Rechteinhaber („appropriate credit“) oder einer offenen Nutzung („Open“) auch zwei Elemente vor, die eine Vergütung in Form einer Geld- oder Sachleistung erzwingen: Die „Direct Contribution“ und die „Ecosystem Contribution“.
RSL 1.0 ist nunmehr die erste Anwendung, die im Rahmen der CC Signals-Initiative realisiert wird. Gelingt dem RSL-Standard die Etablierung, so werden die CC Signals damit von der konzeptionellen Ebene auf eine Anwendungsebene gebracht.
„Reziprozität“ im Really Simple Licensing
Fabian Rack weist darauf hin, dass „ein neues Geben und Nehmen zwischen Inhalteerstellern und KI-Anbietern“ durch die CC Signals angestrebt werde, und CC hierbei von „Reziprozität“ spreche. Im Zuge der vorbereitenden Verhandlungen zwischen Creative Commons und dem RSL Collective ist diese „Reziprozität“ als eigene Komponente für die Nutzungsentschädigung von RSL eingearbeitet worden: „Eine in gutem Glauben geleistete Geld- oder Sachspende, die die Entwicklung oder Pflege der Vermögenswerte oder des umfassenderen Inhaltsökosystems unterstützt.“ Damit sind die „Direct Contribution“ und die „Ecosystem Contribution“ der CC Signals im RSL-Standard implementiert.
Aus Sicht von CC könnte der Entschädigungsbeitrag beispielsweise in Form einer Spende an eine gemeinnützige Organisation geschehen, die den betreffenden Datensatz verwaltet. Auch „das breitere Ökosystem“ um einen Datensatz herum könnte finanziell begünstigt werden. Auch eine offene Lizenzierung eines mit den Daten trainierten KI-Modells, oder die Verfügbarmachung eines durch KI „modifizierten Datensatzes“ an den Data Steward des ursprünglichen Datensatzes wären mögliche Wege. Creative Commons unterstreicht, dass auch ganz „andere Modelle, die wir uns noch nicht vorstellen können“ künftig noch hinzukommen können.
Wie sind die Aussichten für Really Simple Licensing?
Der RSL Standard 1.0 ist erst seit wenigen Wochen aktiv. Eine Reihe wichtiger Unternehmen aus der Internetwirtschaft unterstützt RSL bereits öffentlich. Infrastrukturunternehmen wie Akamai und Cloudflare und Social Media-Dienste wie Reddit und Stack Overflow zählen dazu. Aus der Medienbranche reicht die Unterstützung von A wie Associated Press bis Z wie ZDNET.
Die rasch wachsende Unterstützung auf Seiten der Produzentinnen von Inhalten ist nicht sehr verwunderlich. Verspricht der neue Standard doch eine faire Entschädigung für kreative Leistungen. Bezahlen soll diese Entschädigungen bekanntlich die KI-Branche. Dort jedoch hält man sich bislang noch bedeckt zu RSL. „Die Zeit wird es zeigen“ lautet ein Kommentar dazu.
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