Das Prinzip der Openness – ein Überblick
In einer 2022 publizierten Untersuchung in Kooperation mit dem Alexander von Humboldt Institute for Internet and Society (HIIG) analysierten Tyng-Ruey Chuang, Rebecca C. Fan, Ming-Syuan Ho und Kalpana Tyagi verschiedene Openness-Ansätze. Sie kamen zu dem Befund, dass sich „Art und das Ausmaß der Offenheit“ (eigene Übersetzung) je nach Kontext und/oder Fachgebiet merklich unterschieden.
Die Bedeutung von Openness
Die Openness – übersetzt klingt Offenheit fast sperrig – bezeichnet im Kern den Abbau bzw. die Vermeidung von Barrieren zu relevanten Inhalten. Dies betrifft die physische ebenso wie die digitale Sphäre.
Bei Kulturerbeeinrichtungen reichen die Maßnahmen der Openness beispielsweise von der personallosen Ausweitung der Öffnungszeiten von Bibliotheken, über die Digitalisierung von Museumsexponaten unter freien Lizenzen, die Abschaffung von Gebühren und Entgelten für die Weiterverwendung kultureller Daten und Inhalte, bis zur beherzten Einbindung von Elementen der Ko-Produktion und von User Generated Content.
Das Prinzip der Openness bedeutet daher einen tiefgehenden, kulturellen Wandel der Institutionen und der ihnen zugrundeliegenden Prozesse, um Barrieren zu Wissen in jeglicher Hinsicht abzubauen. Seien diese Barrieren administrativer, rechtlicher, finanzieller, technischer oder sozialer Gestalt. Wissens- und Gedächtnisinstitutionen sind davon ebenso vom Konzept der Openness adressiert, wie Akteure aus anderen Sektoren, beispielsweise Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Die Anfänge der Openness
Der Gedanke der Openness – insbesondere im Hinblick auf Open Education – lässt sich in die 1960er Jahren zurückverfolgen. Als dann ab etwa 2005 das sogenannte Web 2.0 mit seinen anfangs oft als „Technologien der Offenheit“ wahrgenommenen Plattformen und Funktionalitäten Einzug hielt, verlieh dies der Debatte um Openness neue Aufmerksamkeit. Interaktivität, Beteiligung und Zusammenarbeit galten als Modi operandi des Sozialen Webs – und verhießen die „Etablierung neuer Formen des intellektuellen Gemeinguts zu unterstützen“ (eigene Übersetzung), basierend auf Open Source, Open Access, und anderen Modellen der Opennness.
Kategorien, Ziele und Modelle der Openness
Jenni Adams, Miranda Barnes, Samuel Moore, Stephen Pinfield und Siddharth Soni haben in einem Report im Rahmen des „Materialising Open Research Practices in the Humanities and Social Sciences (MORPHSS)“ Projekts insgesamt dreißig offene Forschungspraktiken identifiziert, die sie in drei übergeordnete Kategorien einteilen (eigene Übersetzung):
- Offenheit als Zugang/verbreitungsfähig,
- Offenheit als reichhaltige Umsetzung von Forschung,
- Offenheit als gerechte und inklusive Erschaffung von Wissen.
Openness verfolgt das Ziel, sowohl Transparenz und Zugänglichkeit als auch die Teilhabe zu steigern, gleichermaßen für die fachlichen Communities wie auch für die allgemeine Öffentlichkeit. Auf diese Weise soll die Zusammenarbeit (Kollaboration) und Beteiligung (Partizipation) möglichst vieler Interessierter erreicht werden. Die Qualität von offenen Prozessen wirkt sich daher unmittelbar auf die Qualität ihrer Ergebnisse aus.
Einige der bekanntesten Modelle von Openness sind:
Open Access / Offener Zugang
Wissenschaftliche und andere Texte, die im World Wide Web bereitgehgalten werden, sollen frei zugänglich sein. Open Access wird auf wissenschaftspolitischer Ebene oft als „Standard des wissenschaftlichen Arbeitens“ proklamiert. Maßgeblich für den Diskurs und die Bewusstseinsschärfung zu Open Access waren die Budapest Open Access Initiative, das Bethesda Statement on Open Access Publishing und die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities. Die klassischen Open Access-Modelle wurden nach Farben benannt (Grün, Gold und Diamond / Platinum). Es ist eine zunehmende Ausdifferenzierung von zahlreichen unterschiedlichen Open Access-Modellen zu beobachten.
Open Data / Offene Daten
Daten, die im Kontext der öffentlichen Daseinsvorsorge oder öffentlich finanzierter Forschung entstehen, sollen frei zugänglich sowie frei nutzbar sein. Das begriffliche Feld der „Daten“ ist sehr weitreichend, so können Genome (etwa von Pflanzen, aber auch von Menschen) und medizinische Daten von Menschen mitgemeint sein, wenn es im Diskurs um „Daten“ geht.
Im Bereich der Open-Content-Lizenzen sind die Creative-Commons-Lizenzen (CC) und die Open Database License (ODbL) mittlerweile fest etabliert. Durch Wikipedia sind CC-Lizenzen längst Teil des Surfalltags vieler Internetnutzer. Mit diesen Lizenzen werden die Ideen von „Open Content“ und „Open Access“ realisierbar, wobei die Wahl des jeweiligen Lizenzmoduls entscheidend ist. Auch die Open Educational Ressources (OER) / Offene Bildungsmaterialien zählen zu Open Content. OER-Materialien werden für Bildungszwecke (im schulischen, hochschulischen oder außerschulischen Bereich) erstellt und können frei genutzt werden.
Open Science / Open Research / Offene Wissenschaft
Wissenschaftliche Forschungsprozesse und deren Ergebnisse sollen für die wissenschaftliche Gemeinschaft sowie für die allgemeine Öffentlichkeit frei zugänglich sein. Dies betrifft Forschungsdaten, Forschungsmethoden und wissenschaftliche Publikationen, die nachnutzbar bzw. wiederverwendbar sein sollen. Ziele von Open Science bzw. Open Research, das stärker die Einbeziehung nicht-naturwissenschaftlicher Fächer reflektiert, sind insbesondere die Förderung wissenschaftlicher Kooperationen, sowie der Informationsaustausch und die Öffnung von Prozessen der Schaffung, Bewertung, Kommunikation und Nachnutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Gesellschaft. Die Empfehlungen der UNESCO für Open Science wurden 2021 von 194 Ländern angenommen.
Die FAIR-Prinzipien der GO FAIR-Initiative deklinieren die Openness für den Umgang mit wissenschaftlichen Forschungsdaten. FAIR seht für Findable (Auffindbar), Accessible (Zugänglich), Interoperable (Interoperabel) und Reusable (Wiederverwendbar). Das bedeutet jedoch nicht, dass ausnahmslos jeder Datensatz für Dritte vollumfänglich nachnutzbar wäre. „Vielmehr“, so Forschungsdaten.info, „zielen die FAIR-Prinzipien darauf, im Rahmen des rechtlich und technisch Möglichen, Datenbestände für neue Nutzungsszenarien zu öffnen.“ Es geht also um eine graduelle Verbesserung der generellen Nachnutzbarkeitserwartung von Datenbeständen.
Open Source / Offener Quellcode
Dies bezeichnet Computercode, der offen einsehbar und frei nutzbar ist. Ihren Ursprung hat die Open Source-Bewegung in der gegen Kommerzialisierung von Software gerichteten „Free Software“-Initiative der 1980er Jahre. 1998 gründete sich die Open Source Initiative. Es gibt begriffliche Überschneidungen, da Open Source sich nicht zwingend auf Computercode beziehen muss. So gibt es beispielsweise eine Free Beer-Initiative, deren Rezept und Markenelemente unter einer Creative-Commons-Lizenz frei verfügbar sind.
Perspektive der fortschreitenden Openness
„So paradox es auch klingen mag“, resümieren Chuang, Fan, Ho und Tyagi in ihrer eingangs erwähnten Studie, „Offenheit führt nicht unbedingt zu Inklusion oder Gerechtigkeit, auch wenn sie dazu genutzt werden kann, solche Ideale zu beschwören.“ Die Fragen, wie konsequent Openness gedacht und wie erfolgreich sie realisiert wird, welche Personen, Gruppen und Perspektiven tatsächlich eingebunden werden können, und welche Teile der Gesellschaft (noch) ausgeschlossen bleiben, stellen kontinuierliche Herausforderungen dar.
Als ethisches und demokratisches Prinzip ist die Offenheit idealtypisch zu denken, und ihre Umsetzung wird nie vollkommen sein. So offen wie möglich, und damit auch so inklusiv wie möglich, lauten daher die aus dem Ideal der Openness abgeleiteten Ziele. Die Erfolge der Openness-Bewegungen in den letzten Jahrzehnten sind beachtlich. Openness wird nie perfekt sein, aber sie schreitet voran, und nähert sich damit ihrem Ideal immer weiter.
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