Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt

Vortrag Florian Cramer: Anticopyright in künstlerischen Subkulturen (Sa 11.00 Uhr)

28. September 2008 von Till Kreutzer · Kategorie: Allgemein · Creative Commons · Kunst · Tagung · Urheberrecht

Ein Überflug über die künstlerische Tradition, sich mit dem Urheberrecht kritisch auseinanderzusetzen, so könnte man den Vortrag von Florian Cramer mit einem Satz zusammenfassen. Konkret begann die Reise Mitte des 19. Jahrhunderts (einzelne Ausflüge gingen auch in die Antike) und führte uns bis in die Gegenwart.

Foto: Bozica Babic (http://www.bb-fotografie.net/)

Anticopyright: Die Tradition des Plagiats

Anticopyright, die Weigerung, sich an das Urheberrecht zu halten, hat eine lange Tradition. Jedenfalls wenn man bedenkt, dass auch das Urheberrecht ein relativ junges Modell ist (es stammt in dieser Form erst vom Ende des 18. Jahrhunderts).

Cramer berichtete, wie schon der Comte de Lautréamont ca. 1870 das Plagiat als notwendig für den kulturellen Fortschritt propagierte. In der künstlerischen und literarischen Subkultur wurde dies in verschiedensten Zusammenhängen aufgegriffen. So zum Beispiel in der 1985 von Steward Home initiierten Veranstaltungsreihe Festivals of plagiarism oder sich wechselseitig plagiierenden Fanzines wie SMILE oder VAGUE aus den 1980er Jahren.

Open Content vers. Anticopyright oder “Some rights reserved” vers. “No rights reserved”

Open Content basiert nicht auf den Ideen des Anticopyright. Open-Content-Autoren verzichten nicht auf ihr Urheberrecht oder lehnen es ab. Im Gegenteil, sie bedienen sich des Rechts, um einige Rechte an ihren Werken an die Allgemeinheit zu vergeben, sich andere Befugnisse aber vorzubehalten. Indem sie sich Copyleft-Prinzipien in Open-Content- und Open-Source-Lizenzen zunutze machen, setzen die Autoren ihr Recht dazu ein, die freie Zirkulation ihrer Werke zu garantieren, nicht um sie zu verhindern.

Die Wurzeln von Open Content und Open Source

So neu, wie wir angesichts Creative Commons und Wikipedia denken, ist die Idee des Open Content nicht. Cramer nannte Beispiele, in denen die Urheber schon vor Jahrzehnten ihre Werke zur Nutzung durch die Allgemeinheit freigaben. So etwa der Songwriter Woody Guthrie, der schon in den 1930er Jahren die freie Nutzung seiner Songbooks durch entsprechende Copyright-Hinweise erlaubte und befürwortete. Das freien Lizenzen zugrunde liegende Prinzip der “Geschenkökonomie” führte Cramer zurück auf den französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss, der sich hiermit bereits in seinem Werk “Die Gabe” (“Essai sur le don”) auseinandersetzte, und der bedeutende Kunstrichtungen, vor allem die künstlerische Linke wie zum Beispiel die Situationisten, beeinflusste. Dieses Prinzip werde auch durch Open-Source-Befürworter wie Eric Raymond bemüht, dabei jedoch fehlinterpretiert. Was Mauss als eine „umgekehrte kapitalistische Ökonomie“,  frei von romantisierenden Ideen darstellte, werde heute häufig zu einem Ideal verklärt.

Wer führt die Tradition fort

Wer führt die Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit geistigen Eigentumsrechten heute und in Zukunft fort? Die Copy- und Filesharingkultur wie Piratebay oder die Piratenparteien? Oder eher Künstler wie die, deren Werke auf unserer Ausstellung “Anna Kournikova Deleted By Memeright Trusted System – Kunst im Zeitalter des Geistigen Eigentums” zu sehen sind. Florian Cramer sieht den größeren und bedeutenderen Beitrag derzeit von den Piraten erbracht, die es mit spektakulären Aktionen zu einer erheblichen Öffentlichkeitswahrnehmung gebracht haben.

Mehr  dazu

Wer sich näher zu den interessanten Facetten und Hintergründen der Auseinandersetzung mit geistigen Schutzrechten in der Kunst informieren möchte, dem sei ans Herz gelegt, den Beitrag zu lesen, den Florian Cramer im Ausstellungskatalog veröffentlicht hat. Der kann als als PDF (6 MB) von der Webseite des HMKV heruntergeladen oder natürlich als Buch erworben werden. Eine ältere Version des Artikels (aus dem Jahr 2000) findet sich hier.

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