Arbeit 2.0

Kreative Arbeit und Urheberrecht in der digitalen Welt

“Cut-up” zum “Offene[n] Brief zum Tag des Geistigen Eigentums”

26. April 2008 von Robert A. Gehring · Kategorie: Literatur · Urheberrecht · Urheberrechtsreform

iRights.info berichtete gestern über einen „Offene[n] Brief zum Tag des Geistigen Eigentums“, den eine ganze Reihe mehr oder minder kreativer Kreativschaffender an Bundeskanzlerin Merkel geschrieben hat. Tenor des Briefes: Internetprovider sollen ihre Kunden überwachen und ihnen bei Urheberrechtsverletzungen kündigen - sprich: den Internetzugang kappen.

Bei geekosphere.org gibt es einen “cut-up” aus Kommentaren zu dem offenen Brief. Wer nicht weiß, was ein “cut-up” ist, sollte einfach einen Blick drauf werfen.

Und wer noch ein wenig Theorie dazu braucht, findet in dem Beitrag “Keine Ehrfurcht vor der heiligen Schrift” (via Jungle World) von Daniel Kulla Hintergrundinformationen. Zitat daraus:

“Die Literatur braucht endlich so viel Montage, wie Hip Hop und Cut-up versprochen haben.”

Tags:

bis jetzt 4 Kommentare

  • 1 Robert A. Gehring

    am 2. Mai, 2008 um 06:33

    Thomas Hoeren, Professor am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster erklärte am 29. April “Worüber ich mich ärgere: Der offene Brief der Musikindustrie”:

    “Ich habe langsam die Nase von den Frechheiten der Musikindustrie voll. Undifferenziert wird auf Nutzer und TK-Industrie eingeschlagen. Falsche Zahlen (70% der TK-Nutzung seien illegaler P2P-Verkehr) werden kombiniert mit schrägen Vergleichen gerade mit dem Zensurland China und dubiose Zitate just von Mark Getty (”Geistiges Eigentum sei das Öl des 21. Jahrhunderts”). Die eigenen Haussklaven werden als Unterzeichner vorgeschickt und instrumentalisiert, statt sich mal zu fragen, ob man nicht als Musikindustrie angemessene Salärs an Kreative zahlt. Jede differenzierte Auseinandersetzung fehlt: Hat nicht der Gewinneinbruch in der Musikindustrie noch andere Gründe als P2P? Kann die TK-Industrie überhaupt effektiv den Zugang zu Websites sperren? Ist nicht Urheberrecht geprägt durch eine komplexe Suche nach einem Gleichgewicht zwischen schützenswerten Urheber-, Verwerter- und Nutzerinteressen?

    Man will in der Musikindustrie nicht differenziert denken. Man will schlagen, hauen, klotzen. Dualismus ist eben besser verkäuflich als differenzierte Prüfung und Gespräche. Gut = Musikindustrie - böse = der Rest der Welt, die Hörer von Musik (eine Industrie straft ihre Kunden), TK-Industrie, Internetnutzer, Andersdenkende.”

  • 2 Robert A. Gehring

    am 2. Mai, 2008 um 23:31

    Dirk von Gehlen hat für jetzt.de (Süddeutsche Zeitung) ein Interview mit Thomas Hoeren geführt. Da sagt er zum Beispiel:

    “Wir haben ein sehr scharfes Schutzsystem. Wenn man das zum Beispiel mit den USA vergleicht, sozusagen dem Mutterland der Musikindustrie, dann muss man sagen: Bei uns gibt es viel mehr Sanktionsmöglichkeiten. Und wir haben auch schon eine ganze Reihe von Schutzinstrumenten aufgebaut, um die Interessen der Musikindustrie in das Urheberrecht zu transportieren. Da sind wir in Deutschland schon fast Pionier weltweit.”

  • 3 Robert A. Gehring

    am 5. Mai, 2008 um 19:44

    Beim Bundesverband Musikindustrie ist die Kritik von Thomas Hoeren nicht so gut angekommen. Stefan Michalk, Geschäftsführer des Verbandes, wirft Hoeren Polemik vor und wird moralisch:

    “Ich habe die ‘Nase voll’ von denjenigen, denen anscheinend jedes gesunde Rechtsempfinden abhanden gekommen ist: um zu wissen, dass man sich am Eigentum anderer — egal mit welcher selbstgebastelten Rechtfertigung — nicht einfach bedienen darf, braucht es kein jahrelanges Studium sondern nur ein paar moralischer Grundprinzipien, die man in der Regel mit der Erziehung mit auf den Weg bekommt.”

    Das wiederum findet Michael Selk, seines Zeichens Rechtsanwalt und Notar, einer Kritik würdig:

    “[W]enn ein 15jähriger Schüler sich ca. 400 Musikdateien unerlaubt herunterlädt und er dann eine anwaltliche Abmahnung ins Haus bekommt, in der ihm ‘entgegenkommend’ unter Hinweis auf die Grundsätze der Lizenzanalogie (!) eine Vergleichssumme als Schadensersatzbetrag von 9.000 Euro vorgeschlagen wird (inkl. anwaltliche Gebühren und Auslagen) so fehlt es in der Tat an moralischen Grundprinzipien.”

    Inzwischen gibt es weit über 600 Kommentare zu Hoerens Posting. Ein Blick in die Kommentare macht zwar nicht unbedingt schlauer, vermittelt aber einen Eindruck in die allgemeine Stimmungslage.

  • 4 Robert A. Gehring

    am 15. Mai, 2008 um 07:42

    Beim Branchenblatt Musikwoche läuft seit einigen Tagen eine Online-Umfrage zum offenen Brief. Gefragt wird:

    “Mit dem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin wollen die Kreativen den Schutz des Geistigen Eigentums verbessern. Wie beurteilen Sie die Lage?”

    Hier die aktuellen Ergebnisse:

    • 12,5 % der Teilnehmer sind der Meinung “Ohne solche Initiativen stünde es um die Kreativen noch schlechter”
    • 48,4 % der Teilnehmer sind der Meinung “Der Brief war richtig, aber ohne politische Entscheidungen wird sich nichts ändern”
    • 20,3 % der Teilnehmer sind der Meinung “Die alten Urheberrechtsmodelle werden sich langfristig eh nicht halten lassen”
    • 18,8 % der Teilnehmer sind der Meinung “Wir haben wirklich wichtigere Probleme zu lösen”

Einen Kommentar schreiben